Was der Fluss heraufträgt
Silberfurt schläft nie ganz. Selbst in der dritten Nachtstunde schlagen unten am Aurel die Taue gegen die Poller, und die Zollfeuer werfen ihr Licht bis in die oberen Fenster des Ardyn'schen Hauses. Verwalter Ilyan Sahren steht an einem davon, eine Kerze in der Hand, die er nicht braucht, und wartet auf einen Mann, der noch nicht weiß, dass er wichtig ist.
Der Mann ist ein Händler, der bei Kargwacht Salz und Eisen gekauft hat und drei Tage vor dem üblichen Termin zurückgekehrt ist. Solche Abweichungen bemerkt Ilyan, wie andere einen Riss in einer Wand bemerken. Er lässt den Fährmann in die Küche bringen, reicht ihm Brot und heißen Wein und hört zu. Der Mann redet vom Gebirge, von versprengten Soldaten, die halb von Sinnen aus den Schluchten gestolpert seien, von einem Donner, der keine Lawine gewesen sei. Und er redet von einem Wort, das die Versprengten nur flüsternd sagten: Ardyn ist gefallen.
Ilyan verändert seine Miene nicht. Er dankt dem Händler, lässt ihm ein Lager richten und ein Schweigegeld auszahlen — großzügig genug, um nach Dankbarkeit auszusehen, knapp genug, um nach Gewohnheit auszusehen. Dann steigt er die Treppe hinauf, geht an der Kammer vorbei, in der das Kind schläft — Elyan, das letzte Ardyn, das noch atmet —, und bleibt einen Herzschlag lang an der Tür stehen.
Kein Bote des Königs hat Valcortis erreicht. Kein Siegel, kein offizielles Wort. Für eine Weile, deren Länge niemand kennt, ist Ilyan Sahren womöglich der einzige Mensch südlich des Passes, der weiß, dass das designierte Königshaus soeben zu einem schlafenden Kind zusammengeschmolzen ist.
Er denkt an die Lehre, die man ihm im Lehrhaus auszutreiben versuchte und die er dennoch kennt: Das erste Zeichen, hieß es, sei, dass das Reich der Bestrafer zu zerfallen beginne. Er hat das nie geglaubt. Er ist nicht sicher, ob er es jetzt glaubt. Doch er weiß, was Wissen wert ist, das noch kein anderer besitzt — und er weiß, dass er sich entscheiden muss, ehe der Morgen ihm den Vorsprung wieder nimmt.