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Der Sonnenthron
Die Menschen kamen ohne eigene Religion und ohne echte Erinnerung an ihre Herkunft – ein kollektives Vergessen, das bis heute anhält. Was sie stattdessen entwickelten, ist eine bewusste Aneignung und Umkehrung der Sahen-Sonnenreligion: dieselbe Sonne, dasselbe Symbol, aber mit entgegengesetzter Lehre. Wo die Sahen glauben, ihre Göttin Solyra müsse durch Demut, Opfer und Hingabe besänftigt werden, lehrt der Glaube der Menschen: Ein Gott, der ständig besänftigt werden muss, ist ein Gott der Schwachen. Die Sonne belohnt nicht Unterwerfung, sondern Stärke, Eroberung und Ordnung – die Krone regiert, weil das Licht die Starken bevorzugt.
Diese Umdeutung erfüllt drei Zwecke zugleich: Sie ist angeeignet (dieselbe Sonne, derselbe Symbolkomplex wie bei den Sahen), sie ist bewusst gegen die Sahen gerichtet (deren Frömmigkeit wird als Beweis der eigenen Unterlegenheit gedeutet – 'sie mussten betteln, wir herrschen'), und sie ist dem eigenen Machtinteresse untergeordnet (die Kirche ist eine staatlich kontrollierte Institution, kein unabhängiger Klerus wie einst der Sahen-Sonnenrat).
Die offizielle Institution heißt der Sonnenthron – eng mit der Krone verflochten, nicht unabhängig von ihr. Verehrt wird das Ewige Licht, bewusst unpersönlich und bürokratisch benannt, im Gegensatz zur lebendigen, wachsamen Göttin Solyra der Sahen. Das Ewige Licht verlangt keine Opfer, keine Hingabe – nur Anerkennung der bestehenden Ordnung als Ausdruck seines Wohlwollens. Je mächtiger und geordneter das Reich, desto sichtbarer der Beweis göttlicher Gunst; jede Schwäche (wie Aldrics fehlender Erbe) wird dagegen unauffällig totgeschwiegen oder umgedeutet.
Eine unbewusste Parallele: Bemerkenswerterweise teilen die offizielle Menschenreligion und die geheime Sahen-Prophezeiung dieselbe mythische Grundannahme – nur mit entgegengesetztem Schluss. Beide gehen davon aus, dass die Menschen von der Sonne gesandt wurden. Der Sonnenthron lehrt, die Menschen seien die neuen, dauerhaften Auserwählten. Die Sahen-Prophezeiung besagt, die Menschen seien nur ein befristetes Straf- und Reinigungswerkzeug, dessen Aufgabe sich dem Ende zuneigt. Keine Seite kennt die Version der anderen – beide sind von ihrer eigenen vollkommen überzeugt.
Die Kharg im Volksglauben: Da es bei den Kharg nichts Religiöses anzueignen gibt, bleibt die Furcht vor ihnen unreligiös – sie lebt als Aberglaube und Schauergeschichte im einfachen Volk weiter (Kharg als kinderraubende Unholde, Flüche der Berge und Ähnliches), nicht als Teil der offiziellen Lehre des Sonnenthrons.
Die Prophezeiung der Sahen →